Meine Monster sind unsichtbar

Psychische Erkrankungen sind auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Auch die innovative medizinische Technik, wie Röntgen, Ultraschall und andere Geräte, die das Innere eines Menschen durchleuchten, können meine Monster im Kopf (noch) nicht sichtbar machen. Sie mittels Untersuchungen von Blut- oder sonstigen Körperflüssigkeiten und mit hoher Auflösung mikroskopisch zu entschlüsseln sind bisher ebenfalls gescheitert

Quelle und Infos gibt’s hier
oder auf dieser Seite

Es gibt zwar inzwischen Gehirnscans, die Veränderungen in bestimmten Gehirnregionen zeigen, z.B. schrumpft bei einer Depression ein Hirnbereich, der für’s Lernen und Verstehen enorm wichtig ist. Genau wie Stresshormone, die z.B. bei traumatischen Erfahrungen massiv ausgeschüttet werden, können Schäden in diesem Bereich anrichten. Noch ist es nicht klar, ob diese Veränderung Ursache oder Folge einer psychischen Störung ist, doch es wird mit Hochdruck geforscht. Sicher ist aber, dass diese Veränderungen im Gehirn der Erkrankung zur Grunde liegen.

Angst vor Ausgrenzung und Stigmatisierung

Manche nicht betroffene Menschen tun sich immer noch schwer damit, dass sie meine Monster im Kopf nicht sehen können und glauben mir dann nicht, dass diese Monster sich in meinem Leben einmischen und dadurch (zu) oft Chaos in meinem Kopf auslösen. Dieses fehlende Verständnis, die Ignoranz meiner Einschränkungen und oft auch eine gewisse Diskriminierung, die durch meine Monster entstehen, sorgen für zusätzliche Barrieren, eine zusätzliche Belastung. Ich kämpfe also nicht nur gegen meine Symptome, sondern auch mit der Ausgrenzung. Manche betroffene Menschen versuchen aus Angst vor Ausgrenzung, ihre Symptome zu verdrängen, trauen sich nicht Hilfe zu suchen, oder isolieren sich, ziehen sich also komplett zurück. Akzeptanz und Empathie für psychische Erkrankungen sind in Deutschland und leider auch auf internationaler Ebene noch immer nicht selbstverständlich sind

Oft wirke ich für diese Menschen (äußerlich) gesund und sie können sich nicht vorstellen, dass ich mit bestimmten Themen und Situationen große Schwierigkeiten habe, die für diese und andere Menschen kein Problem und alltäglich sind. Manchmal haben diese Menschen eine gewisse Kenntnis über psychische Erkrankungen, ordnen aber die Auswirkungen als ein selbst verursachtes Problem ein („Du musst dir nur ein dickeres Fell zulegen“, „du darfst dich nicht so gehen lassen“, „Du bist nur faul“) – der Betroffene ist also selbst schuld an seiner Erkrankung. Doch nur weil etwas (noch) nicht sichtbar ist, ist es nicht weniger schlimm und belastend für mich und die anderen betroffenen Menschen. Die Auswirkungen und (zusätzlich) das Stigma einer psychischen Störung können so gravierend sein, dass sie sogar tödlich sind, weil ein Mensch damit nicht mehr leben will.

Es ist und bleibt eine Erkrankung, die mit Einschränkungen einhergeht, die sich nicht durch gutes Zureden, Ignorieren oder „zusammenreißen“ einfach in Luft auflöst. Auch mit einer positiveren Einstellung („du musst positiv denken“) lassen sich diese geschrumpften Hirnareale, kaputte Verbindungen zwischen Nervenzellen und aus dem Gleichgewicht geratenen Botenstoffen nicht abschütteln

Hier geht´s zum Beitrag

Einen schönen verständlichen Beitrag zum Thema unsichtbare Erkrankungen hat der WDR für die Sendung mit der Maus produziert und ich finde, dass er sich mit diesem Thema sehr anschaulich und vor allem einfühlsam beschäftigt

Meine Monster haben oft seltsame Ideen

Mir ist jedoch bewusst, dass meine Monster Verhaltensweisen verursachen, die für andere Menschen auf den ersten Blick seltsam und sonderbar wirken können. So kann es sein, dass ich plötzlich zum Weinen anfange,  mehrere Verabredungen hintereinander absage, zahlreiche Tage nicht mehr ans Telefon gehe oder plötzlich ohne ein Wort die gemeinsame Situation verlasse. Es passiert aber auch, dass ich mich vor lauter Angst und Panik, bei jemanden fest halten muss oder von einem auf den anderen Tag nicht mehr aus dem Haus gehe, obwohl ich am Tag vorher noch sehr unbelastet gewirkt und viel gelacht habe oder den Tag bei einer Laufveranstaltung verbringen durfte. Während Gesprächen kann es geschehen, dass ich plötzlich verstumme, für den anderen nicht mehr erreichbar bin und irgendwie abwesend wirke. Manchmal erinnere ich mich nicht mehr daran, über welches Thema gerade gesprochen wurde, aber ich spüre furchtbare Angst, die ich (noch) nicht immer genauer benennen kann – vor allem genau in diesen Momenten

Meine Monster verursachen nicht jeden Tag Chaos

Ich weiß, dass das bei Menschen, die sich mit psychischen Störungen nicht beschäftigt haben, mein Verhalten wahrscheinlich Ärger auslöst oder sie sich Fragen, ob ich überhaupt krank bin und nicht nur simuliere. Vor allem wenn es ein guter Tag ist, an dem ich meine Monster im Griff habe, mir äußerlich nichts anzusehen ist und einen kurzen Zeitraum (das kann auch eine Stunde und weniger sein) später, ich durch meine Monster wieder Angst vor einer Situation habe, die ich vorher scheinbar ohne Probleme bewältigt habe. Ob ich meine Monster im Griff habe, ist sehr tagesformabhängig: es gibt Phasen, da macht es mir wenig aus mit vielen Menschen in einem Raum oder unterwegs zu sein. Auch Lachen, Genießen und Sprechen ist dann kein Problem, im Gegensatz zu den Momenten, wo ich mich von allen und allem zurückziehe, weil mir einfach alles zu viel ist, ich die Anwesenheit von anderen einfach nicht ertragen kann, weil ich erstmal wieder mein Chaos im Kopf in den Griff kriegen will.

Wie bei vielen anderen chronischen Krankheiten, sind auch meine Symptome nicht immer gleich stark und es gibt Tage, an denen ich alles vergessen habe und es mir richtig gut geht. Doch dies kann sich leider von einem Moment auf den anderen ändern. Ich versuche Gegebenheiten zu vermeiden, von denen ich weiß, dass meine Monster aktiv werden und mich (oder andere Menschen) ins Chaos stürzen. Das bedeutet, dass ich mit manchen Einschränkungen irgendwie klar kommen muss, wenn ich meinen Zustand nicht verschlechtern will. Wie zum Beispiel Allergiker, die den Allergieauslöser möglichst meiden sollen, oder Menschen mit einer Lungenerkrankung, die lieber aufs Rauchen verzichten sollten, wenn sie ihren Gesundheitszustand nicht weiter verschlechtern wollen

Das Problem mit der Alltagspsychologie

In der Therapie und auch mit meinen Arzt versuche ich Alternativen zu finden, die mein Leben trotzdem zufriedenstellend und mit so wenig Einschränkungen wie möglich, lebenswert machen. In den letzten Jahren musste ich allerdings die Erfahrungen machen, dass Personen ohne medizinische oder therapeutische Ausbildung meinen, gerade wenn es um psychologische Themen geht, mitreden zu können. Ihr Wissen beziehen sie da oft aus eigenen Erfahrungen („ich bin auch mal depressiv/ müde/ erschöpft“ oder „du musst einfach mehr essen“), aus Beobachtungen („der Nachbar des Bekannten von meiner Arbeitskollegin…“), aus dem Fernsehen (Problemlösung/erfolgreiche Therapie durch eine bekannte Fernsehpsychologin innerhalb 45 min oder „Arbeit ist gut bei Depressionen“) oder von Weisheiten und Sprüchen vom Abreißkalender in der Küche („Du kannst alles schaffen, wenn du nur wirklich willst“). Dieses „küchenpsychologische“ Halbwissen hilft mir leider nicht, um meine Monster in den Griff zu kriegen oder sie komplett aus meinem Kopf zu verbannen – im Gegenteil solche Ratschläge verursachen oft eine Verschlechterung meines Zustandes, weil ich mich nicht ernstgenommen und verstanden fühle. Wenn ich gut drauf bin, antworte ich auf solche Vorschläge meistens mit: „Danke für die Info!“ und bitte denjenigen seinen Therapievorschlag mit meinem Arzt oder meiner Therapeutin zu besprechen, damit dies für meine zukünftige Behandlung berücksichtigt werden kann. 😛 😛

Hilfreiches im Kampf gegen meinen Monstern

Ich kann hier wieder nur für mich sprechen und die folgende Aufzählung hat auch nicht den Anspruch vollständig zu sein. Aber vielleicht ist der eine oder andere Punkt auch für andere Menschen zu gebrauchen.

  • Ich wünsche mir mehr Akzeptanz und Verständnis für meine unsichtbare Krankheit. Mir ist bewusst, dass dies nicht einfach ist, wenn man sich mit dem Thema „psychische Erkrankungen“ noch nicht beschäftigt hat und auf wenig bis gar keine Erfahrungen zugreifen kann, doch eine gewisse Toleranz für meine Andersartigkeit wäre schon mal ein erster Schritt.
  • Ich möchte nicht mehr beweisen und mich rechtfertigen müssen, dass ich eine Krankheit habe. Mein Schwerbehindertenausweis, die Gewährung einer Rente und diverse Gutachten sollten dafür ausreichend sein, denn diese Nachweise bekommt man nicht einfach so, weil man gerade keine Lust mehr hat zu funktionieren.
  • Wie jeder Mensch habe ich Grenzen – Grenzen, die bei jedem individuell wo anders liegen und meine Grenzen sind vielleicht in manchen Bereichen etwas enger gesteckt (v.a. das Thema Arbeit), doch auch hier wünsche ich mir, dass diese Grenzen be- und geachtet werden. Es gibt Zeiten, da will ich einfach nicht über meine Monster und die von ihnen verursachten Probleme reden. Mein Bedürfnis ist es dann, Probleme auch mal Probleme sein zu lassen (nicht alles ist (sofort) lösbar/änderbar) und mich eher auf das Positive im „Hier und Jetzt“ zu konzentrieren.
  • Das Gleiche gilt für meine individuellen Strategien, Wege und Lösungen, die ich mir in den letzten Jahren erarbeitet habe, um mit meinen Monstern im Kopf klar zu kommen. Dies sind Fortschritte im Kampf gegen meine Monster und wie jeder Mensch, freue ich mich über diese Erfolge und über jeden, der diese Erfolge anerkennt und sich mit mir freut. Ein Erfolg ist es z.B. schon, wenn ich mich nicht zurückziehe (Sozialer Rückzug ist ein Symptom), sondern einen monsterfreien Tag habe, den ich mit Freunden, beim Sport oder bei gemeinsamen Unternehmungen genießen kann. Für viele sind solche Momente normal und vielleicht sogar selbstverständlich, doch für mich bedeutet es erstmal, mich gegen meine Monster im Kopf durchzusetzen und da ist es sehr schade, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die mir diese Tage nicht gönnen und sogar versuchen sie mies zu machen („Wer Marathon laufen kann, kann auch arbeiten“, „die kann doch gar nicht krank sein“, „so fitte Frührentner gibt´s doch gar nicht“)

Das alles kostet wahnsinnig Kraft und auch die Arbeit an mir selbst in der Therapie ist kein Spaziergang. Deshalb bin ich für jeden dankbar, der versteht, was mit mir los ist, mich beim Kampf gegen das Chaos in meinem Kopf unterstützt und/oder auch andere Menschen über das Thema „psychische Erkrankungen“ aufklärt.
Dazu darf und soll dieser Blog auch jederzeit verwendet werden 🙂
Fragen zum Thema sind ebenfalls willkommen und können gerne in den Kommentaren oder hier gestellt werden

END THE STIGMA

5 Kommentare

  1. Diesen Abschnitt deiner Geschichte sollte jeder lesen, der DICH kennt bzw. kennen lernen darf.. Das Prädikat “ psychische Erkrankung“ kann jeden von uns treffen. Und was dann?

  2. Ein toller Beitrag! Wie schade, dass er bisher nur drei Likes hat, er hat definitiv mehr verdient!

    „Wenn ich gut drauf bin, antworte ich auf solche Vorschläge meistens mit: „Danke für die Info!“ und bitte denjenigen seinen Therapievorschlag mit meinem Arzt oder meiner Therapeutin zu besprechen, damit dies für meine zukünftige Behandlung berücksichtigt werden kann. 😛 😛“
    SUPER! Das werde ich meinen Patienten als Tipp mitgeben – eine schlagfertige und kreative Antwort, ich bin richtig begeistert!

    1. Vielen Dank für dieses Lob!! 🤗😊
      Ich blogge erst seit ein paar Wochen und bin dadurch noch nicht so bekannt, erst ein paar Menschen aus meinem näheren Umfeld wissen davon. Das ist der erste Kommentar von jemand unbekannten…Dankeschööön 😊😊

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