Ist doch nur ein Fragebogen…

… denken die meisten, die ein Blatt Papier mit Fragen zum Ankreuzen in die Hand gedrückt bekommen – ein vielleicht nerviger Vorgang, doch für den größten Teil der Menschheit wahrscheinlich ohne Probleme bewältigbar- vorausgesetzt die Fragen sind für denjenigen eindeutig und verständlich.

Doch mit meinen Monstern im Kopf habe ich massive Schwierigkeiten, diese durchaus notwendigen Fragen zu beantworten. Wir sind uns nämlich nicht immer einig, wie eine gestellte Frage gemeint oder wie sie am besten zu beantworten ist. Natürlich möchte ich die Fragen ehrlich beantworten, doch welche Meinung unter der Wahrheit zu verbuchen ist, kann zwischen jedem einzelne Monster und mir total unterschiedlich ausfallen. Und das sorgt dann für ein ziemliches Chaos in meinem Kopf und das Ausfüllen wird zu einem massiven Kraftakt. Wenn dann noch Fragen auftauchen, die mich triggern, wird´s richtig kompliziert. Da kann es schon mal passieren, dass mich ein „ist doch nur ein Fragebogen“ längere Zeit aus dem Gleichgewicht bringt, mir die Fragen tagelang durch den Kopf spuken und ich noch Stunden später neben mir stehe.

Aber in den Bereichen der Psychotherapie und Psychiatrie sind Fragebögen kaum mehr weg zu denken. Laut meiner Recherche im Internet gibt es zahlreiche Tests in Form von Fragebögen, die für den Untersucher bei der
Diagnosestellung, Symptomausprägung und Einschätzung spezifischer Eigenheiten und Fähigkeiten hilfreich sein kann und auch eine Änderung im Rahmen der Behandlung soll dadurch objektiver erfasst werden.

Diese sogenannte Testdiagnostik sind standardisierte Verfahren, die objektive und reproduzierbare Ergebnisse liefern sollen. Die Erstellung eines Testverfahrens erfordert oft jahrelange Forschung als Vorarbeit.
Gütekriterien wie Validität misst das Verfahren auch, was es soll?),
Reliabilität (ist das Ergebnis auch zuverlässig?) und Objektivität (einheitliche Testbedingungen) müssen gewährleistet sein. Aus z. T. vielen hundert oder tausend Fragen werden schließlich jene für den endgültigen Test ausgewählt, die am geeignetsten sind. Dann bleiben je nach Test vielleicht 20 bis 300 Fragen oder spezifische Aufgaben bestehen. Die Anwendung der Diagnostik wird durch Fragebögen und auch durch praktische Aufgaben gewährleistet. Vor allem bei den handlungsbezogenen Leistungstests ist der Computer sehr oft eine unverzichtbare Hilfe
.


Quelle und weitere Infos zu Psychologischen Tests Wikipedia

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Fragebögen zum Themenbereich Psychische Störungen ich schon beantwortet habe – nicht mitgezählt sind die Fragebögen, die ich regelmäßig von den Sozialversicherungen erhalte und die mich aufgrund meines „Behördentraumas“ (Trigger ohne Ende, doch dazu irgendwann mehr) dann so durcheinander bringen, dass ich sie nicht mehr alleine ausfülle und mir Hilfe vorab von einer Vertrauensperson hole. Aber auch dann bin ich anschließend fix und alle…

Bei Fragebögen, die der Diagnostik dienen, kann mir meine Vertrauensperson natürlich nicht helfen und ich versuche mein Möglichstes, die Fragen so zu beantworten, dass sie meine Symptome widerspiegeln und nicht das, was der Fragensteller eventuell lesen möchte. Doch da kommen leider wieder meine Monster ins Spiel…

Fragebogen ausfüllen

Diese Woche hat es mich bei meinem behandelnden Arzt erwischt, der aufgrund einer Versicherungsanfrage, 2 Blätter zum Ankreuzen aus seiner Schublade zog. Auf meinen Vorschlag, den Test vom letzten Mal zu benützen gingen leider weder er, noch seine Praxismitarbeiterin, ein. Zusätzlich sollte anschließend noch ein Gedächtnistest wiederholt werden, der beim letzten Mal nicht so positiv ausgefallen ist.

Ich setze mich also mit dem vorbereitenden Klemmbrett ins Wartezimmer und versuchte die anderen Patienten zu ignorieren, während ich mich mit Herzrasen an die erste Frage wagte.


Okay, die ersten Fragen nach den biographischen Daten waren kein Problem, doch bei der nächsten Frage ging die große Diskussion zwischen mir und meinen Monstern im Kopf los:

  • Traurig? War ich die letzte Zeit traurig?
  • Doch! Du heulst doch abends oft?
  • ja, schon, aber bin ich deshalb traurig? Ist man, wenn man weint immer traurig oder unglücklich?
  • Ich weiß, mir steht manchmal das Wasser in den Augen, doch ich fühle mich nicht traurig oder unglücklich… ich weiß nicht, warum ich weine…es hört ja meistens auch wieder auf ohne dass ich weiß warum.
  • Als mein Opa gestorben ist, da war ich traurig – das abendliche Weinen ist anders

Nach einen bisschen hin- und her im Kopf einigen wir uns auf „ich bin nicht traurig“ und ich lese weiter.

Auch beim folgenden Abschnitt fangen meine Monster an in meinem Kopf durcheinander zu quasseln:

  • Wann sind denn Schuldgefühle häufig? Oder fast immer?
  • Deine Therapeutin sagt doch, dass du dir nicht immer für alles die Schuld geben sollst.
  • Bin ich selber schuld, wenn ich meine Schuldgefühle nicht im Griff habe?
  • An wem soll es denn sonst liegen, wenn nicht an mir? „Du kannst andere nicht verändern – du kannst nur dich selbst ändern“

Wir einigen uns auf „ich habe fast immer Schuldgefühle“ und ich bin inzwischen schon wieder total angespannt und wünsche mir nichts lieber als diesen Fragebogen fertig zu kriegen.

  • Oh, nein! Ich mag keine Fragen zu meinem Aussehen.
  • Mich hat das schon in der Klinik genervt, als ich wegen einer Anorexie behandelt worden bin und ständig diese (angeblichen) Schönheitsideale als vermutete Auslöser für das Untergewicht in Betracht gezogen wurden.
  • Wenn ich jetzt „ich finde mich hässlich“ angebe, wird wieder auf dem Thema Essstörung rumgeritten.

Irgendwie passt keine Aussage für mich und so schreibe ich unter diesen Frageblock „ist mir egal“ als neue Antwortalternative, vor die ich mein Kreuzchen setze.

  • Schlafen?! Mit Medikamenten komme ich die meiste Zeit gut zurecht.
  • Aha! Du kannst also nur mit Drogen schlafen! Also schläfst du schlecht!
  • In den letzten Tagen bist du aber trotz Medikamente wegen Albträumen aufgewacht und danach schwer wieder eingeschlafen.
  • Aber durch die anderen Medikamente, bin ich viel wacher als früher, d.h. ich liege nicht mehr den ganzen Tag im Bett und schlafe die meiste Zeit.

Ich mache daraufhin meine Kreuzchen bei den Punkten 1 und 2, weil ich mich nicht entscheiden kann.

So und so ähnlich beantworte ich auch die anderen Fragen. Mir ist es inzwischen egal, ob der Arzt oder seine Praxismitarbeiterinnen etwas mit meinen Antworten anfangen können. Ich will nur noch raus hier!

Doch ich muss noch einen Gedächtnistest (also noch mehr Fragen) hinter mich bringen und dazu mich mit einer Praxismitarbeiterin in einen winzigen Raum begeben, indem nur ein Stuhl und ein Hocker Platz hatten. Ich sollte es mir auf dieser Art Liegestuhl bequem machen, während sich die Mitarbeiterin hinter mir auf dem Hocker quetschte.

Inzwischen fühle ich mich wie in einer Blase und nur noch im Funktionsmodus. Ich höre mir selber zu, wie ich die Fragen der Praxismitarbeiterin beantworte und sehe meine Hand, wie sie einen dreidimensionalen Würfel und eine Uhr zeichnet. Doch das ganze hat mit mir selbst nichts mehr zu tun – in der Fachwelt nennt man das dann Dissoziation. Ich bin froh, dass dieses andere ICH diesen Test übernommen hat und ohne größere Fehler diese Aufgaben meistert.

Als ich endlich die Praxis verlassen konnte, war ich fix und alle. Daheim angekommen zog ich mir die nassgeschwitzten Klamotten aus, telefonierte kurz mit meiner Mutter, die mich gottseidank wieder ein bisschen erden konnte und legte mich dann ins Bett, wo ich auch sofort vor Erschöpfung einschlief.

Auch die nächsten Tage beschäftigten mich die Fragebögen noch sehr und immer wieder schossen mir die Gedanken durch den Kopf, ob ich die Fragen wohl richtig beantwortet habe, also ob meine Antworten auch wirklich das Ausdrücken und vor allem verständlich darstellen , was in mir so vorgeht. Ich finde es nämlich sehr schwierig anhand von einem einzigen Kreuzchen, das Gesamtbild meiner Schwierigkeiten/ Probleme darzustellen.

Als ich ein paar Tage später mit meiner Ergotherapeutin über meinen Arztbesuch gesprochen habe, wurde mir klar, dass das Ausfüllen von Fragebögen wohl meine schlimmen Erlebnisse mit den Behörden triggert und ich schon gar nicht mehr spontan auf solche Fragen reagieren kann, weil ich weiß, welche weitreichenden Folgen so ein kleines „x“ manchmal auslöst.

Hier mal eine Geschichte (nur ein unter vielen weiteren), die an meinem „Behördentrauma“ beteiligt war:
Aufgrund eines übersehenen oder fehlerhaft übertragenen „x“ in der Datenbank meiner Krankenkasse, bekam ich nach meiner Kreuzband-OP vom Krankenhaus eine Rechnung, weil ich angeblich nicht mehr versichert sei. Es hat mehrere Tage und nervige Telefonate mit unfreundlichen Sachbearbeitern gedauert bis der Fehler gefunden wurde. Tage, in denen ich von der Krankenkasse beschuldigt wurde, den Fehler verursacht zu haben. Tage, die schlaflose Nächte verursacht haben, weil ich nicht wusste, wie ich die Rechnung bezahlen sollte. Tage, in denen ich von einem zum anderen Sachbearbeiter verwiesen wurde ohne, dass mir weiter geholfen wurde. Tage voller Ungewissheit, bis die Krankenkasse das kleine „x“ entdeckt hat und ich meine Rechnungen endlich zu den Akten legen konnte.

Deshalb mag ich also keine Fragebögen und bin so oft sehr dankbar, wenn persönliche und für mich schwierige Fragenbögen mit eigenen Worten beantworten darf oder gemeinsam mit dem Therapeut/Arzt ausgefüllt werden können, d.h. ich beantworte die Fragen mit eigenen Worten und den dazugehörigen Überlegungen und der Fragensteller macht dann das Kreuzchen an der passsenden Stelle.

Leider sind nicht alle so flexibel und beharren auf ihren eigenständig und selbst auszufüllenden Fragebögen – ist doch schließlich

nur ein Fragebogen 🙁

8 Kommentare

  1. Ja, ein Kreuz an der falschen Stelle oder – man kann sich nicht entscheiden, wo das Kreuz hinkommt- weil alles auf einen zutrifft oder überhaupt nichts, ist sogar für manch einen gesunden????!!!! Menschen schwierig.
    Aber Gott sei Dank liebe Sonja, hast bzw. findest du immer wieder Menschen, die dir beistehen und dich danach wieder aufbauen können.

  2. Ja…mir geht’s ähnlich. Ich will ehrlich antworten, aber gerate meist völlig in Selbstzweifel. Oder ich habe einen guten Tag u vergess dann all die anderen🙄

  3. Ich verstehe dich soooo gut. Besonders nervig sind für mich diese Diagnostik-Fragebögen, in denen immer wieder dasselbe gefragt wird, nur etwas anders formuliert, die du je nach Stimmung beim Ausfüllen auch täglich anders beantworten kannst. Und trotzdem sind diese Fragebögen sinnvoll, weil sie dem Diagnostiker so viel über den Ausfüller sagen können. Ich schätze mal, dass für dich bis zum nächsten Ausfüllen erst mal eine ganze Menge Zeit vergehen darf. Und nicht vergessen: den letzten Fragebogen hast du erledigt und kannst ihn als Erfolg abhaken, weil du ihn erledigt hast! YESSSSSSS!

  4. Vielen lieben Dank für’s Teilen eurer Erfahrungen. Das tut mir seeehr gut! Ich fühle mich verstanden und meine Monster im Kopf sind besser zu ertragen

  5. Auch wenn es einige schon geschrieben haben: ich dachte gerade die ganze Zeit beim Lesen Deines Textes „omg, ganz genau so geht es mir auch jedes Mal, wenn ich solche Fragebögen ausfüllen muss“. Und jedes Mal, wenn ich die Bögen abgebe, fühle ich mich danach wie eine Lügnerin und hab das Bedürfnis, eine Seitenlange Erklärung nachzuschieben. Ich kann so gut verstehen, dass dich das so belastet. (Und vor allem das Ausfüllen in einem Wartezimmer mit anderen finde ich schlimm. :/ Das könnte ich gar nicht.) Ich wünsche Dir, dass nicht mehr so viele Fragebögen folgen (und wenn doch, dass zumindest die Umstände nicht so triggernd sind).

    1. Danke für deine Worte – sie tun mir gut und ich fühle mich nicht mehr wie ein Alien, der der einzige ist, der mit Fragebögen Probleme hat. Ich frage mich nur langsam, ob solche Fragebögen dann überhaupt Sinn machen, wenn die Gedanken des Befragten dazu, gar nicht erfasst werden….🤔🤔

      1. Oder zumindest gibt es offensichtlich noch viele andere Aliens auf dieser Erde. 😀 Ich glaube, dass mein Therapeut alleine aus den Schwierigkeiten, die ich mit dem Fragebogen hatte, schon etwas „herauslesen“ konnte. Wir sind die Punkte aber auch sehr detailliert durchgegangen und er konnte nachträglich noch viele Fragen stellen. Ich denke, da ist die Kombi Fragebogen + Gespräch ganz gut, weil man einen Leitfaden hat. Bei anderen Fragebögen, in anderen Bereichen geht es mir da aber wie dir und ich frage mich, ob das Sinn macht, weil es halt ein ganz falsches Bild vermittelt.

        1. Stimmt, wenn ein Fragebogen als Gesprächsgrundlage dient, kann er wirklich viel aussagen… doch bei den meisten, von mir ausgefüllten Bögen, wurde leider nix nachbesprochen. Keine Ahnung welche Schlüsse daraus gezogen wurden 🤔🤔

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